Interview

„Wir brauchen mehr Menschlichkeit in Deutschland“
Yassmine (21) und Farida (25) von den „Lifemakers“ Rhein-Main setzen sich für Verständigung ein

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GROSSE GEMEINSCHAFT: Die Hassan-II.-Moschee im marokkanischen Casablanca ist eine der größten der Welt. Sie bietet Platz für 100.000 Menschen. Auch Nicht-Muslime haben Zutritt. (Foto: Dieter Schütz/pixelio.de)

 

Immer mehr muslimische Jugendliche engagieren sich für eine offenere Gesellschaft in Deutschland. „Lifemakers“ heißt ihre Organisation. Über ihr Wirken, Vorurteile, das Kopftuch und Integration hat Chili mit Yassmine (21) und Farida (25) von der „Lifemakers“-Gruppe Rhein-Main gesprochen.

Chili: Was sind die „Lifemakers“, was macht ihr?

Farida: Die „Lifemakers“ wurden 2002 in Bonn unter der Leitung von von Mimoun Amin und Saloua Mohammed gegründet. Sie haben zu verschiedenen Themen deutschlandweit Veranstaltungen organisiert, und so haben sich dann kleinere Lokalgruppen gebildet, auch bei uns in Hessen Anfang des Jahres. So bin ich auch dazu gekommen, da mir das Konzept gefallen hat und ich darin eine gute Möglichkeit gesehen habe, meinen Beitrag für ein besseres Miteinander in Deutschland zu leisten. Was für die „Lifemakers“ zählt, ist Einsatzbereitschaft, Mut, Menschlichkeit, keine Verurteilungen, kein Hass. Wir arbeiten freiwillig für diese Ziele. Wir helfen Menschen in Not, vor allem sozial Schwachen, besuchen Menschen im Altenheim und veranstalten regelmäßig Obdachlosenspeisungen.

Yassmine: Wir sind zur Zeit 12 Aktive in der Gruppe, je nach Projekt sind wir aber mehr.

Chili: Versteht ihr euch als muslimische Jugendbewegung?

Farida: Was heißt „muslimisch“? Bei uns ist jeder willkommen, nicht die Religionszugehörigkeit, sondern die Einsatzbereitschaft steht im Vordergrund. Unsere Aktivitäten richten sich auch nicht nur an Muslime, sondern an alle Menschen, egal, welcher Religion sie angehören. Ebenso gibt es Lokalgruppen, in denen auch Nicht-Muslime aktiv sind.

Yassmine: Die Tat zählt. Und die ist ja auch nicht unbedingt nur religiös motiviert, denken wir. Einfach jeder, der helfen will und Spaß dabei hat, der die Gesellschaft zum Besseren verändern will, kann kommen und mit anpacken.

Farida: Es gibt schon bestimmte caritative Projekte wie zum Beispiel Seelsorge, oder Altenpflege,die sich eher an Muslime richten, das hängt dann aber auch von den Kooperationspartnern ab. In Frankfurt würden wir etwa mit dem „Grünen Halbmond“ zusammenarbeiten, aber wenn die Caritas oder Diakonie uns die Möglichkeit geben würden, uns einzubrigen, dann sind wir dafür genauso offen.

Chili: Wie wählt ihr Projekte aus?

Farida: In unseren regelmäßigen Meetings sammeln wir Ideen für neue Projekte, und wir sind auch im Austausch mit den anderen „Lifemakers“-Gruppen.So kamen Projekte wie die Obdachlosenspeisung sowie das Altenheim-Projekt zustande. Wir gestalten aber auch Projektwochen an Schulen mit oder wirken bei interreligiösen Dialogen mit. Es gibt aber auch Einzelfälle, auf die uns jemand aufmerksam macht, wo zum Beispiel eine Familie in einer Notsituation ist, und da leiten wir dann nach Überprüfung eine Spendenaktion ein.

Chili: Wie begegnen euch die Leute? Wenn ihr zum Beispiel ins Altenheim geht, verbinden die Leute das dann mit dem Islam und wollen mit euch über das Kopftuch reden?

Farida: Es kommt eigentlich kaum zu religiösen Dialogen. Wir wollen ja auch nicht missionieren.

Yassmine: Wir werden gefragt, warum wir das machen, aber die Antwort „aus sozialem Engagement“ akzeptieren eigentlich alle.

Farida: Im Altenheim gab's anfangs gemischte Gefühle, weil das ein evangelisches Haus ist. Aber mit der Zeit haben sich die Leute an das optische Bild gewöhnt und akzeptieren es.

Yassmine: Mich hat auch noch nie jemand direkt aufs Kopftuch angesprochen. Die Angehörigen der Menschen im Altenheim waren anfangs etwas zurückhaltend, aber als klar war, dass die Aktion nichts mit dem Islam zu tun hat, hat sich die Irritation schnell gelegt. Ich denke, sie sehen dann einfach den Menschen, der ihnen hilft, da spielt so ein Stück Stoff keine Rolle.

Chili: Hoffentlich. Je nachdem, wo man ist, ist das Kopftuch im Straßenbild ja auch normal. Aber viele Ängste manifestieren sich ja an solchen Äußerlichkeiten, wie auch die Entscheidung in der Schweiz für das Minarettverbot zeigt. Wie seht ihr das?

Farida: Ja, da gibt es schon noch Berührungsängste in der Gesellschaft. Wir versuchen, dem entgegenzuwirken, indem wir mit dem Islamischen Informationsservice e.V. in Frankfurt zusammenarbeiten und über den Islam aufklären und informieren. Wir wollen natürlich auch nicht, dass jemand in Deutschland vor uns Angst hat, obwohl wir eine Minderheit sind. Wenn man hinzufügt, dass wir 3,8 Millionen Muslime sind zu über 50 Millionen Christen,sind Ängste eigentlich unbegründet, und allein über diese Relationen kann man Menschen vielleicht zum Nachdenken bringen.

Chili: Fühlt ihr euch selbst dabei zwischen den Welten? Ihr seid ja in Deutschland geboren, habt beide einen marokkanischen Hintergrund. Was ist eure Heimat?

Farida: Ein Konflikt ist das nicht. Ich bin hier geboren und zur Schule gegangen, ich habe meine Freunde hier, ich bin Deutsche. Nur, dass ich einen so genannten Migrationshintergrund habe. Ich fühle mich aber gleich, deswegen finde ich es schade, wenn man Vergleiche aufzieht und das mit der Religion begründet.

Yassmine: Ich sehe das genauso. Ich fühle mich als deutsche Muslima.

Farida: Ich würde mich angegriffen fühlen, wenn mich jemand auffordert, ich solle mich integrieren. Weil ich ja Deutsche bin, ich spreche die deutsche Sprache, ich arbeite hier, ich trage zum deutschen Sozialsystem bei. Für mich ist Integration nicht die Frage nach dem Kopftuch. Da findet dann sofort eine Vermischung von Religion und Integrationsfragen statt, das ärgert mich. Wenn irgendwo von „Integration“ die Rede ist, sind automatisch Muslime gemeint, dabei richtet sich Integration ja an alle Migranten. Das Minarettverbot in der Schweiz ist daher für mich auch eher ein Angriff als ein Beitrag zur Integration, denn Integration muss durch beide Seiten erfolgen.

Yassmine: Es ist, als hätte ich zwei Heimaten. Marokko ist natürlich ein Teil von mir, das ist das Land, aus dem meine Eltern kommen. Ich bin sehr gerne dort, genieße die vertraute Sprache und den Umgang. Aber wenn ich dann nach einem Besuch wieder nach Deutschland zurückkomme, habe ich auch sofort wieder ein Gefühl von Heimat. Die Vertrautheit des Alltags ist aber auf jeden Fall in Deutschland. Ich bin schon mehr deutsch als marokkanisch, glaube ich.

Chili: Deutschland ist zwar euer Heimatland, aber ihr habt ja doch einen anderen Blick darauf. Was sind denn Dinge, die euch stören oder die ihr gerne verändern würdet, wenn ihr könntet?

Farida: Wir brauchen mehr Toleranz und Menschlichkeit, müssen mehr miteinander reden als über einander. Gerade wenn über die Frau im Islam gesprochen wird, würde ich mir wünschen, dass man die Frau selbst anspricht, bevor sich Berge von Vorurteilen bilden. Komischerweise diskutieren immer nur Männer über die Bedeutung des Kopftuchs. Gerade in Deutschland sind die Möglichkeiten zur direkten Ansprache doch eigentlich ganz gut. Man weiß dann am Ende mehr voneinander, als wenn man irgendwas in einem schlecht geschriebenen Buch gelesen hat.

 

Muslimisches Engagement

In Darmstadt gibt es (noch) keine „Lifemakers“-Gruppe. Seit einem Jahr ist aber der "Islamische Studentenverein" aktiv. Gerade hat er an der TU die erste „Islam-Woche“ veranstaltet mit vielen Diskussionen. Über den Vorstand Omar Kassab (23) findet ihr hier ein Porträt. Sein Vater hatte den Verein in den Sechzigern gegründet.

Wer mehr über die „Lifemakers“ wissen möchte, kann Farida mailen an lifemakers-hessen@live.de und bei www.lifemakers-germany.de reinklicken.

Kerstin Fritzsche
18.12.2009
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