Immer auf dem Sprung: In Kasachstans junger Hauptstadt Astana ist „Parkour“ ziemlich angesagt. (Fotos: Kerstin Fritzsche)
Zu Kasachstan dürfte den meisten Westeuropäern nicht viel mehr einfallen als der Jux-Film „Borat“. Dieses Bild entspricht dem größten Binnenland der Welt, das erst seit relativ kurzer Zeit unabhängig ist, überhaupt nicht. Die junge Republik befindet sich im Aufbruch. Das zeigt sich nicht nur am Bauboom in der Hauptstadt Astana, sondern auch am kulturellen Leben dort. Und dies ist vor allem geprägt von den überdurchschnittlich vielen jungen Menschen, die aus der Steppe in die Stadt strömen.
 |
| Die Skater-Crew von Astana am "Schülerpalast" |
Im Astanaer Jugendzentrum „Schülerpalast“ tobt das Leben. Hier treffen nachmittags Nachhilfeschüler auf Skater. Etwas Besonderes, denn den Skatepark haben sie erst vor zwei Jahren nach harten Kämpfen gesponsert bekommen. Die Geräte stammen aus Deutschland. Das ist Sergej Polkovnikov (19) zu verdanken. Er hat Skateboarden im Sportfernsehen gesehen, ist kurzerhand ins russische Omsk gefahren, um sich dort ein Board zu kaufen und hat sich und danach Astana alles selbst beigebracht.
„Wir machen auch Graffiti!“ ruft der 15-Jährige, der beim Gespräch neben Sergej steht. Ungläubig gucken wir deutschen Besucher uns um. In einem Torbogen auf dem Hof des Schülerpalasts ist etwas gekritzelt, na gut, aber von Writings oder gar großflächigen Kunstwerken keine Spur, auch keine Leinwände.
 |
| Sergej Polkovnikov mit seinem Board - nicht mehr das aus Russland importierte, mit dem er anfing zu skaten |
Auf Nachfrage lacht der Junge und holt seine Zeichenmappe hervor. Als wir von der urbanen Kunst in Deutschland erzählen, von den Stencil-Battles in den Vierteln bis hin zum Züge-Bomben, starren uns mehrere Augenpaare teils interessiert, teils entsetzt an. „Wir haben davon gehört“, sagt Sergej, „aber in Kasachstan gibt es das nicht. Da würde man ja sofort verhaftet!“ In Deutschland auch, sagen wir, aber deswegen gibt es all das trotzdem.
Bevor die Jungs wieder auf ihre Boards springen, ernten wir Blicke, als hätten wir den Präsidenten gerade persönlich angegriffen. Haben wir vielleicht auch, denn hier haben alle eine sehr loyale Einstellung gegenüber dem Präsidenten und der Staatsgewalt.
 |
| Koszhan in Aktion |
Dass zum Skaten unbedingt Graffiti gehört wie Breakdance zu Beatboxen, ist hingegen für Koszhan Kurmanbaiuly eine klare Sache. Der erst 14 Jahre alte Beatboxer ist in Kasachstan so etwas wie ein kleiner Star. Während bei uns in Deutschland das Musikmachen mit Stimme und Körper seit Mitte der 1990er-Jahre eigentlich wieder out ist, schlägt Koszhans Kunst bei ihm zu Hause zusammen mit Breakdancen ziemlich ein.
Wie viele andere hat auch Koszhan seine Jugendkultur Beatboxen über das Internet entdeckt. Inzwischen kann er damit Geld verdienen. Er übt jede freie Minute, auch mal an der Bushaltestelle, was immer für etwas Wirbel sorgt, weil ältere Leute Beatboxen nicht kennen und man sich hier im öffentlichen Raum gefälligst ruhig zu verhalten hat. Seit einem Jahr bildet der Sohn eines Komponisten mit zwei anderen das Beatbox-Team „Megabeat“. Sie haben auch schon die kasachische Nationalhymne „verbeatet“ und bald erscheint ihr erstes Album.
 |
| "Yourist Centre Productions" in ihrem kleinen Studio |
Ein paar Straßen weiter sitzt Shokan Abishev in einem stickigen Hinterraum eines Möbelcenters an einem Computer und frickelt mit Freunden am eigenen Rap-Sound. „Yourist Centre Productions“ - der Name ergibt sich durch die jugendlichen Themen, über die sie rappen und Shokans Jura-Studium - sehen in Hemden und schlichten Hosen und mit akkurat gescheiteltem Haar recht unscheinbar aus. Wenn sie in ihre Musik eintauchen, verwandeln sie sich aber zu echten HipHoppern mit entsprechenden Posen.
So sieht ihr professionell gemachtes erstes Video ziemlich amerikanisch aus: Rappende, harte Jungs mit Basketball-Shirts, Goldketten, Basecaps und Stirnbändern singen in fetten Limousinen, auf Hochhausdächern oder in ranzigen Wohnzimmern neben Jack Daniel's-Flaschen und leicht bekleideten Mädchen vom Leben als Jugendlicher in Astana zwischen Islam und Globalisierung.
„Wir wollten schon was Eigenes machen. Aber ich habe kurz vor dem Dreh keine T-Shirts mit kasachischen Symbolen gefunden beziehungsweise waren die zu teuer“, erklärt Shokans schuldbewusst. Die Unterscheidung komme aber seiner Meinung nach durch die Sprache. Die Combo rappt auf Kasachisch und Russisch. „Da sind knackige, eingängige Melodien gefragt“, erklärt Shokan.
Denn in den Turksprachen sei es im Gegensatz zu Englisch wegen der Wortzusammensetzungen schwierig, kurze Sätze und dann auch noch logische Reime zu bilden. „Genau daraus ziehen wir aber unseren Ehrgeiz für diese Art von Musik!“ In Zukunft wollen sich die Fünf auch als Produzententeam verdingen, um Jugendlichen zu helfen und damit Popkultur zu promoten.
Genau wie Koszhan sieht die Combo ihre Kunst aber nicht politisch. „Wir rappen zwar auch von Nazis und gegen Drogen, vom Gegensatz zwischen Arm und Reich. Das ist aber alles eher positiv besetzt“, sagt Shokan. „Wir wollen inhaltlich unkompliziert bleiben, damit wir auch in der Disco gespielt werden.“
Für ihn ist es kein Problem, dass sie hier ihr eigenes Ding machen und tags zuvor noch beim Nationalfeiertag der Staatssymbole aufgetreten sind, wo sie einen Hymnen-Rap auf Kasachstan performt haben. Vor und nach ihrem Auftritt standen Studenten in traditionellen Kleidern oder Abendgarderobe auf der Bühne und spielten die landesüblichen Instrumente Dombra (Zupfinstrument mit zwei Saiten) und Kobyz (zweisaitiges Streichinstrument).
 |
| So ländlich sieht es gleich ein paar Autominuten außerhalb von Astana in der Steppe aus. |
Für Abend- und Nachtaktivitäten herrschen nach russischem Vorbild auch in Astana edle Tanzschuppen mit Dresscode, Separées und teuren, westlichen Bieren vor, wo man rausgeputzt zu aufgepopten 80er-Jahre-Dancehits tanzt. Rockschuppen oder überhaupt alternative, handgemachte Musik findet man sonst eher in Almaty im Süden am Meer. Wer lange sucht oder die richtigen Leute fragt, findet sie aber doch, die Underground-Clubkultur in der Hauptstadt.
Etwa im „Jam“. Roter Backstein, blaues Licht, drei Rockbands. Die meisten hier sind eher normal und unauffällig gekleidet, aber es gibt auch ein paar tätowierte, gepiercte Rocker mit langen Haaren oder den Indie-Typ mit schwarzem T-Shirt und Basecap. Es werden eigene Songs auf Englisch und Russisch dargeboten oder Cover. Selbst als die eine Band etwas lauter und rockiger wird, springen nur wenige auf die Tanzfläche.
„Die Leute hier sind es nicht gewohnt, selbst etwas in die Hand zu nehmen und zu gestalten“, erklärt der Mann, den alle nach dem traditionellen kasachischen Hefegebäck nur „Borsak“ nennen, weil er genauso rund ist. Borsak ist 21 und der Veranstalter nicht nur dieses Konzertabends. Zur Entwicklung der hiesigen Musikszene fällt ihm ein Vergleich ein: „Wenn in Europa etwas mit der Geschwindigkeit eines Flugzeugs passiert, dann passiert es in Kasachstan mit der eines Fahrrads.“ Und Fahrräder sind noch dazu, wie Motorräder, in Kasachstan bis jetzt ziemlich unbekannt und exotisch.
Was ist also mit dem rebellischen Moment von Jugendkulturen in Kasachstan? Wer hier als richtiger Draufgänger gelten will, fährt Motorrad oder hat ein gefährliches Hobby wie Parkour. Oder frönt dem aus Russland herübergeschwappten Trend „Encounter“. Genauer gesagt ist "Encounter" ein „active urban game network“. Unter dieses Begriff lassen sich sechs Spiele für den städtischen Raum fassen; Geocaching, das in Deutschland ja bereits exzessiv gespielt wird, ist eines davon.
In der russischen und auch der kasachischen Variante wird meistens „Combat“ gespielt, das Ursprungsspiel. Dabei treten Gruppen gegeneinander an, die ein Ziel oder einen Begriff anhand von Rätseln oder Bildausschnitten ausfindig machen müssen. Die Hinweise bekommen sie von einer selbst programmierten Internetseite, gespielt wird von vier Stunden bis zu einer Woche in bis zu zehn Leveln.
„'Encounter' ist toll, weil man geistig und körperlich gefordert wird, weil es generationenübergreifend ist und weil jeder, der mag, Spiele nach seinen eigenen Ideen programmieren kann“, sagt Timur (25) begeistert. Er hat das urbane Spiel 2005 bei seinem Studien-Aufenthalt in Minsk entdeckt und nach Astana gebracht. Inzwischen gibt es hier 1000 Spieler im Alter von 15 bis 74.
Viktoria (23) findet alle "Encounter"-Aktivitäten toll, weil man "aktiv freizeit gestaltet. Gerade die Jungs hängen dann nicht nur auf der Parkpank ab und trinken Bier an einem Sommerabend, sondern sind richtig gefordert. Denn die Spiele funktionieren ja nicht, wenn man nicht als Team funktioniert."
Finanzielle Unterstützung wie die anderen Jugendkulturen bekommen die "Encounter"-Spieler nicht, das wollen sie aber eigentlich auch nicht, einige von ihnen betrachten sich eher als Oppositionelle. "Die Regierung weiß doch eh nicht, was bei den Jugendlichen abgeht!" ruft da jemand, dessen Name hier nicht genannt sein soll. Timur sieht das weniger kritisch: Ihm bringt sein spezielles Hobby inzwischen auch beruflich etwas, denn von der Regierung wird der SAP-Consultant oft für Teambuilding-Seminare angefragt.
Das "Encounter"-Netzwerk erreicht man hier
. Jeder Interessierte kann Gruppen und Spiele anbieten - überall. Fast jede größere Stadt hat inzwischen eine feste Gruppe. In Deutschland existieren bereits in Köln und in Karlsruhe "Encounter"-Gruppen.