MUSLIM IN DEUTSCHLAND: Omar Kassab. (Foto: Roman Größer)
Die Nachricht, erinnert sich Omar Kassab, erreichte ihn vor wenigen Tagen in strömendem Regen. „Ich war gerade in Istanbul unterwegs, wo ich derzeit ein Auslandssemester absolviere, als meine Mutter aus Deutschland anrief.“ Er habe den ersten Platz des Studierenden-Wettbewerbs 2007 des Bundesinnenministeriums gemacht, berichtete die Mutter stolz.
Das Thema lautete „Muslime in Deutschland – deutsche Muslime“ – ein Bereich, über den Kassab, Deutscher syrischer Abstammung und selbst muslimischen Glaubens, viel zu sagen hat. „Ich bin in Deutschland geboren, bin hier zur Bundeswehr gegangen, studiere hier und bin Muslim“, erzählt der Einundzwanzigjährige und lächelt. „Passt also.“
In der Kategorie Essay hat Omar Kassab eine siebenköpfige Jury mit seiner Geschichte „So, und nicht anders“ begeistert. Darin beschreibt er mit Witz, Charme und Ironie den Alltag junger Muslime in Deutschland – eine Gratwanderung zwischen elterlicher Tradition und jugendlichem Freiheitsdrang, religiösen Normen und westlichen Verlockungen.
Zwei Identitäten
für junge Muslime
„Ich möchte nichts pauschalisieren“, sagt Kassab. „Den typischen Muslimen gibt es genauso wenig wie den typischen Christen.“ Trotzdem solle sein Aufsatz zeigen, wie sich „der typische junge Muslim“ täglich durch sein vielschichtiges Leben bewegt.
Kassab berichtet von den zwei Identitäten und einer Art „Geheimagentenleben“, das sich die Kinder traditionsbewusster Muslime zulegen. Eine Identität zeige sich etwa im Koranunterricht, die andere beim Flirten und Flaschendrehen auf Klassenfahrt.
„Das macht es einerseits nicht leicht“, erklärt Kassab, der im dritten Semester Politikwissenschaften an der TU Darmstadt studiert. „Andererseits schult es das Bewusstsein für die Empfindungen anderer.“ Ein Mensch, der mit diesem täglichen Balanceakt aufwächst, „hat ausgeprägtere zwischenmenschliche Fähigkeiten“, behauptet Kassab.
Außerdem, sagt Kassab, „waren unsere Eltern nie in Deutschland jung.“ Ihnen sei vieles der Jugendlichen unbekannt. So etwa, wie es sich anfühlt, wenn die erste Freundin per Kurzmitteilung auf dem Handy die Beziehung beendet. Ein junger Muslim, sagt Kassab, „spielt trotzdem zuhause den Zufriedenen.“ Aus Respekt gegenüber der traditionellen elterlichen Erziehung.
„Doch genau da liegt das Problem: Der Dialog fehlt.“ Und wenn er schon im kleinen Kosmos einer Familie nicht stattfinde, sagt Kassab, „wie sollen dann fremde Menschen kommunizieren?“
Das jedoch möchte Kassab mit seinem preisgekrönten Aufsatz bewirken: dass Menschen miteinander diskutieren. „Ich möchte den Dialog fördern, besonders zwischen den verschiedenen Religionen.“ Der Islam sei facettenreich, genauso wie die Menschen, die ihn leben.
Die Geschichten und Berichte aus „So, und nicht anders“ seien nicht autobiografisch, „obwohl ich vieles selbst erlebt habe“, betont Kassab. „Einige Episoden haben Freunde mir erzählt, anderes habe ich durch Beobachten festgestellt.“
„In der Mitte der
Gesellschaft ankommen“
Für die Zukunft wünscht sich Omar Kassab, dass Muslime in Deutschland „in der Mitte der Gesellschaft ankommen“. Dazu gehöre auch, dass Moscheen nicht immer nur in den hintersten Winkeln der Industriegebiete entstehen dürften. „Denn Muslime in Deutschland beteiligen sich am politischen Tagesgeschehen, pachten Schrebergärten und pflanzen Tomaten.“ Sie gehörten dazu – ebenso wie ihre Moscheen.
Engagement für interkulturelle Verständigung
Omar zeichnet dafür verantwortlich, dass seit 2008 der "Islamische Studentenverein"
aktiv ist. Im Dezember 2009 hat er an der TU die erste „Islam-Woche“ veranstaltet mit vielen Diskussionen. Omars Vater hatte den Verein in den Sechzigern gegründet.